Freischwinger Original erkennen: Breuer, Mart Stam, Mies van der Rohe
Ein Stuhl ohne Hinterbeine, der aus einem einzigen gebogenen Rohr zu schweben scheint: Der Freischwinger ist eine der großen Erfindungen der Moderne. Er wurde von mehreren Architekten fast gleichzeitig entwickelt, über seine Urheberschaft wurde jahrzehntelang vor Gericht gestritten, und gebaut wird er bis heute von mehreren Herstellern. Hier erfährst du, wer welchen Freischwinger baut und woran du ein Original erkennst.
Die kurze Antwort: Ein originaler Freischwinger stammt von einem berechtigten Hersteller wie Thonet oder Knoll, früher auch Gavina, oder aus einer historischen Fertigung der Bauhaus-Zeit. Du erkennst ihn an Kennzeichnung, Modellbezeichnung und Konstruktion. Fehlt die Kennzeichnung, ist das kein Ausschluss, denn Aufkleber gehen verloren, dann entscheidet der Abgleich mit dem Modell.
Wer hat den Freischwinger erfunden?
1926 baute der niederländische Architekt Mart Stam erste Prototypen eines Stuhls ohne Hinterbeine aus Gasrohren. Gezeigt wurde sein Stuhl 1927 auf der Werkbund-Ausstellung „Die Wohnung“ in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung. Weil die Biegungen mit Eisenstäben verstärkt waren, federte er noch nicht. Ludwig Mies van der Rohe meldete im selben Jahr ein Patent auf einen Stuhl an, dessen gebogenes Traggerüst laut Patentschrift „ein federndes Sitzen ermöglicht“. Marcel Breuer experimentierte am Bauhaus seit 1925 mit Stahlrohr und entwarf 1928 seinen Freischwinger B 32.
Der Rechtsstreit: warum Mart Stam als Urheber gilt
Anton Lorenz, der die Rechte an Stams Stuhl hielt, verklagte Thonet. Das Reichsgericht erkannte 1932 Mart Stam als künstlerischen Urheber des Freischwingers an. In der Folge ersetzte Stams Name in den Thonet-Katalogen Breuers Namen bei zweibeinigen Freischwingern wie dem B 32. Der Bundesgerichtshof bestätigte Stams künstlerisches Urheberrecht 1961. Deshalb führt Thonet den S 32 bis heute als „Design Marcel Breuer“ mit dem Zusatz „künstlerisches Urheberrecht Mart Stam“.
Wer baut welchen Freischwinger? Hersteller heute
Mehrere Entwürfe werden von zwei Herstellern gebaut, beide als eigenes Herstellerprogramm:
| Modell | Entwurf | Hersteller heute |
|---|---|---|
| S 33 und S 34 | Mart Stam, 1926 | Thonet |
| S 32 und S 64 (früher B 32 und B 64) | Marcel Breuer, 1928, Urheberrecht Mart Stam | Thonet, seit 1930 |
| Cesca Chair (B 32 und B 64) | Marcel Breuer, 1928 | Knoll |
| MR Chair und MR Side Chair | Ludwig Mies van der Rohe, 1927 | Knoll |
Wie Thonet-Modelle im Einzelnen gekennzeichnet sind, zeigt unser Ratgeber Thonet Original erkennen: Stempel und Etiketten.
Die frühen Hersteller der Bauhaus-Zeit
Die ersten Stahlrohrmöbel kamen aus kleinen Werkstätten. Breuer gründete Ende 1926 oder Anfang 1927 mit Kálmán Lengyel die Firma Standard-Möbel in Berlin, das erste Unternehmen, das sich auf Stahlrohrmöbel spezialisierte. 1929 übernahm Thonet die Firma und richtete 1930 eine eigene Stahlrohr-Abteilung ein. In den 1930er-Jahren wurde Thonet zum größten Hersteller von Stahlrohrmöbeln. Freischwinger aus dieser frühen Zeit sind selten und werden über ihre Herkunft eingeordnet.
Vom B 32 zum Cesca: Breuers Freischwinger bei Thonet, Gavina und Knoll
Breuers B 32 baut Thonet seit 1930 als S 32. Anfang der 1960er-Jahre erwarb der italienische Hersteller Gavina Rechte an dem Entwurf, Dino Gavina benannte ihn nach Breuers Tochter Francesca „Cesca“. 1968 übernahm Knoll die Gavina-Gruppe, seitdem heißt der Stuhl bei Knoll Cesca Chair. Ein Cesca und ein S 32 gehen also auf denselben Entwurf zurück, sie stammen von zwei Herstellern.
Kennzeichnung je Hersteller
- Thonet: Papieretiketten und eingravierte Stempel, die bei der Datierung helfen. Fehlt beides, nennt Thonet Schrauben, Gestell, Maße und bei Stahlrohrmodellen den Rohrdurchmesser als entscheidende Merkmale. Thonet beantwortet auch Echtheitsanfragen.
- Knoll: Bei der heutigen Produktion von Cesca und MR Chair sind Knoll-Logo und Designer-Signatur ins Gestell gestempelt.
- Gavina und frühes Knoll International: nach Angaben von Händlern meist nur Aufkleber, die fehlen können.
Eine fehlende Kennzeichnung allein spricht also nicht gegen ein Original.
Konstruktion prüfen: Rohr, Geflecht, Federung
Den Rohrdurchmesser nennt Thonet ausdrücklich als Merkmal, beim MR Chair gibt Knoll ein nahtloses Stahlrohr mit einem Zoll Durchmesser an. Beim S 32 und S 64 bestehen Sitz und Lehne laut Thonet aus gebogenem Massivholz mit Rohrgeflecht. Miss die Rohre und vergleiche Maße und Proportionen mit dem angegebenen Modell. Chromschäden, Rost oder ein neu bespanntes Geflecht sagen etwas über den Zustand, nichts über die Echtheit.
„Von“, „nach“, „im Stil von“: was die Angabe im Angebot bedeutet
- „von Marcel Breuer für Thonet“: Entwerfer und Hersteller sind benannt.
- „nach Mart Stam“: Die Form folgt Stams Prinzip, der Hersteller ist ein anderer oder unbekannt.
- „im Stil von“: Es gibt keine Zuordnung zu Entwerfer oder Hersteller.
Freischwinger wurden über die Jahrzehnte auch von weiteren Herstellern gebaut, etwa in der Tschechoslowakei. Lies deshalb genau, was ein Angebot benennt.
Freischwinger gebraucht bei 2nd home
Angebotspreise bei 2nd home, Stand Oktober 2026: 46 Freischwinger-Angebote von 165 bis 3.999 Euro, die Hälfte unter 460 Euro, von Thonet, Knoll, Gavina und weiteren Herstellern. Gewerbliche Verkäufer sind von 2nd home geprüft, private Verkäufer werden aufgenommen. Jedes Stück ist mit Zustand, Maßen und Fotos beschrieben, die Herkunft, soweit bekannt. Alle verfügbaren Stücke findest du unter Schwingstühle, nach Entwerfer unter Marcel Breuer und Ludwig Mies van der Rohe, nach Hersteller unter Thonet und Knoll.
Häufige Fragen zum Freischwinger
Wer hat den Freischwinger erfunden?
Mart Stam baute 1926 erste Prototypen und zeigte 1927 seinen Stuhl ohne Hinterbeine, Mies van der Rohe patentierte 1927 einen federnden Freischwinger, Marcel Breuer entwarf 1928 den B 32. Gerichtlich gilt Mart Stam als künstlerischer Urheber.
Was ist der Zusammenhang zwischen Marcel Breuer und Thonet?
Thonet übernahm 1929 Breuers Firma Standard-Möbel und fertigt den S 32 und den S 64 seit 1930.
Ist ein Cesca dasselbe wie ein S 32?
Beide gehen auf Breuers B 32 zurück. Cesca ist der Name bei Knoll, ursprünglich von Gavina, S 32 die Modellnummer bei Thonet.
Mein Freischwinger hat keine Kennzeichnung. Ist er ein Nachbau?
Nicht zwingend. Aufkleber gehen verloren. Gleiche Rohrdurchmesser, Maße und Konstruktion mit dem Modell ab, bei Thonet kannst du auch beim Hersteller anfragen.
Sind Freischwinger gut für den Rücken?
Das Gestell federt, Mies van der Rohe beschrieb in seinem Patent „ein federndes Sitzen“. Ob ein Stuhl zu dir passt, merkst du am besten beim Probesitzen.
Was bedeutet „nach Mart Stam“?
Die Form folgt Stams Freischwinger, der Hersteller ist aber ein anderer oder unbekannt.
Quellen: Thonet, S 32 V, Thonet, Pressemappe, Thonet, An original is just that, Victoria and Albert Museum, Model B32, Knoll, Cesca Chair, Knoll, MR Chair, Deutsches Patent- und Markenamt, Die Neue Sammlung.